Verlagsgruppe Oetinger

Interview Oliver Rohrbeck

Interview mit Oliver Rohrbeck zu den Hörbuchaufnahmen für "Ein knochenharter Job oder wie ich half Gott zu retten" von Barry Jonsberg


Als Oetinger audio Sie gefragt hat, ob Sie das Buch „Ein knochenharter Job oder wie ich half, Gott zu retten“, einlesen möchtest, was haben Sie gedacht bei dem Titel?


Ich war ganz gespannt. Ich hab mir nämlich zunächst nicht viel darunter vorstellen können und war ganz gespannt, was das jetzt mit Gott zu tun hat und was das für ein Stoff ist. Als ich eine kleine Zusammenfassung gelesen habe, hat die mir sehr gut gefallen. Ich war eigentlich sofort begeistert.


Wie war es jetzt bei den Aufnahmen?

Sehr schön, weil ich das Buch ganz hervorragend finde. Es ist sehr bildreich geschrieben – so wie David Sedaris für Erwachsene schreibt – mit einem unglaublich trockenen britischen Humor. Barry Jonsberg ist ja ein britischer Schriftsteller, der jetzt in Australien lebt. Das spürt man einfach. Er bringt es sehr trocken auf den Punkt und genauso hat es mir auch Spaß gemacht. Ich hatte den Eindruck, das passt gut zu mir. Ich spreche manchmal selber so und lache gern. Ich musste die Aufnahmen öfter mal wegen Lachen unterbrechen…


Die Hauptfigur Marcus ist ja ein bisschen ein Held wider Willen und das passt eigentlich ganz gut zu den selbstironischen Figuren, die Sie sonst synchronisieren, wie z. B. die Figuren, die Ben Stiller spielt.

Ich kann gut mit Typen, die eigentlich ganz normale Alltagstypen sind. Jeder normale Alltagstyp ist ein bisschen ein Loser, ein gestrandeter Typ, der natürlich auch seine Erfolgserlebnisse hat. Marcus ist vielleicht der Held, er macht was ganz Tolles und er ist ein Gutmensch. Trotzdem ist er in ganz vielen Situationen tragisch. Er sucht danach, sich sozusagen zu vervollkommnen, zu wachsen, zu reifen. Das spürt man hier alles in dem Buch. Er macht sich Gedanken über seine Umwelt, über seinen besten Freund Dylan, der noch tragischer ist als er selbst. Dadurch entsteht natürlich dieser ganze Humor. Die Beobachtungen dieser beiden Jungs aus der Ich-Perspektive – das liegt mir gut. Weil ich dann eine Haltung annehmen kann – die Haltung eines Jungen, der auf der Suche ist. Der teilweise tragisch und trotzdem sehr liebenswert ist.


Das Buch lebt sehr von Übertreibungen. Während der Aufnahmen haben Sie mal gesagt „Ach, das ist jetzt 'over acting' … man kann auch manchmal zu wenig machen…"

Ja, es ist sehr humorvoll geschrieben. Man darf nicht zu wenig geben. Die Pointe muss trocken auf den Punkt gebracht werden. Manchmal muss ein bisschen „over acting“ sein. Man darf auf gar keinen Fall untertreiben, damit dieser Humor überhaupt rauskommt. Wenn man das gerade in einem Ton gesprochen hätte, wären sehr viele dieser schönen Brüche, die in dem Text stecken, flöten gegangen. Und das wollte ich unbedingt vermeiden.


Sie haben gesagt, was Ihnen an dem Buch, an der Geschichte gefallen hat – was denken Sie, werden Kinder an dem Hörbuch mögen?

Ich glaube, sie werden mögen, dass es kein typisches Kinderhörbuch ist, im süßlichen Ton mit Lehrauftrag im Text, der mit erhobenem Zeigefinger sagt, wie man sich gut zur Umwelt und zu anderen Kindern verhält. Sie werden mögen, dass es frech ist, dass man in manchen Situationen ein bisschen Schadenfreude haben kann. Schadenfreude, die sie selber kennen, auf andere Kinder bezogen. Schadenfreude, die sie kennen, auf sich selbst bezogen. Denn jeder gerät in solche Situationen, in denen er selber mal der Loser ist. In denen er sich vor der Klasse oder in der Fußgängerzone vor anderen Leuten lächerlich macht. Weil man popelt oder weil man mit einem Hund spricht. Und plötzlich kommt man sich ganz blöd vor, wird rot und sagt „Oh Gott, ich renn jetzt schnell weg und ich möchte gar nicht mehr aufstehen, bis ich 18 bin“.

Wie bereiten Sie sich auf solche Aufnahmen vor oder wie haben Sie sich jetzt vorbereitet?

Ich lese das Manuskript – und was ganz wichtig ist – ich lese es laut. Also gut, ich lese es jetzt nicht Seite für Seite laut. Irgendwann hat man den Ton, den man haben möchte für die Stimmen, für die Rollenverteilung, die Mutter, den Vater, die Schwester, den Freund. Wenn ich irgendwann eine Stimme gefunden habe, kann ich mich wieder darauf beschränken, es leise weiterzulesen. Aber ich muss auf jeden Fall zunächst fast die Hälfte des Buches laut lesen, damit ich diesen richtigen Ton zur Erzählerstimme finde, für die Ich-Haltung und die anderen Rollen. Für die verschiedenen Rollen verstellt man ja nicht einfach nur die Stimme. Man muss sich eine Figur vorstellen und so vergibt man automatisch eine Stimme. Ich hab immer eine Figur im Kopf, wenn ich die Schwester spreche oder die Mutter. Ich hab einen realen Menschen im Kopf, der sozusagen die Stimme leiht.


Wie wichtig ist im Studio die Zusammenarbeit mit dem Regisseur? Wenn der noch mal einhakt und sagt „Mach mal die Betonung anders“… Oder Sie haben selber an einer Stelle gesagt: „Ach nee, der Satz war doch blöd“…

Ich habe natürlich ein Gefühl zu dem Text. Ich weiß meistens schon, wenn es auf gar keinen Fall geht, wie ich den Satz gesprochen habe. Es geht gar nicht, wenn ich bei den Sätzen nichts denken kann. Man muss mitdenken. Insofern weiß ich schon immer „Oh Gott, bei dem Satz hatte ich jetzt gar keine Vorstellung. Es ist bei mir kein Bild entstanden“. Dann muss ich den Satz aus eigenem Antrieb wiederholen. Aber ich bin immer sehr dankbar dafür, wenn ich noch Hinweise bekomme, wie man einen Satz im Rhythmus und in der Betonung anders aufschlüsseln kann. Dafür braucht man einen Regisseur, der einem zuhört und Hilfestellung gibt. Nicht jemanden, der versucht, aus irgendwelchen Gründen etwas rein zu inszenieren, das nicht da ist. Solche Regisseure gibt es ja auch. Aber Frank Gustavus ist wunderbar und gibt hervorragend Hilfestellung, wie man den Satz anders machen kann. Dann freut man sich und sagt: „Stimmt, so kann man den Satz auch denken“. Im Kopf geht dann noch ein ganz anderes Türchen oder Bildchen auf. Ich bin für diese Hilfestellung sehr dankbar.
Das ist beim Synchronsprechen übrigens nicht anders. Ich mache ja Hörspiel- und Synchronregie. Ich sehe mich da auch als jemand, der den Schauspielern Hilfestellung gibt, wie sie es noch besser darstellen können. Man hört hinten in der Regie den Text anders, als man ihn hier vor dem Mikro spricht.


Sie sagen ja immer, dass Hörbücher Kopfkino sind und die Frage ist, wie der beste Film im Kopf des Hörers entstehen kann.

Man muss sich überlegen, wie weit man die Stimmen vorher schon festlegen will. Will man das mehr andeuten und nur ganz wenig in kleine Rollen gehen? Das kommt auf den Stoff an. Dieser Stoff hier hat sich sehr dafür geeignet, die Rollen ein bisschen mehr auszuspielen. Umso witziger und bunter wurde das ganze Geschehen. Ich fand die Figuren sehr eindeutig beschrieben, so dass man sie etwas mehr festlegen konnte. Die Schwester Rose ist eindeutig, sehr gradlinig zickig. Da musste man keine vielschichtige Psychologie reinbringen. Es gibt andere Bücher, wo man die Stimmen mehr zurücknimmt und gar nicht soviel schauspielert. Das soll dann mehr beim Hörer entstehen. Hier konnte ich ein bisschen mehr machen, im Kinderbereich sowieso. Da kann man ein bisschen mehr auf die Pauke hauen und in die Rollen gehen.


Sie lesen sehr gerne Bücher. Wenn Sie lesen, geht dann gleich die Überlegung los, wie könnte ich das jetzt als Hörbuch umsetzen?

Oftmals ja. Ich lese, ehrlich gesagt, sehr viel und hab ständig große Stapel neben meinem Bett liegen. Manche Bücher kaufe ich mir nicht aus dieser Perspektive, "vielleicht ist das als Hörbuch geeignet…". Aber manche schon. Oder ich komme während des Lesens darauf und denke mir: „Das müsste es eigentlich als Hörbuch geben“. Manchmal wäre ich gern unvernünftiger und würde sagen: „Ist eigentlich wurscht, ob dies wirtschaftlich wird, das würde ich unheimlich gerne lesen und für die Leute hörbar machen“. Aber meistens siegt die Vernunft und man fragt nicht nach den Rechten, weil man weiß, das wird sich nicht genug verkaufen, das ist mehr so ein Liebhaber-Projekt. Aber man braucht im Leben auch Liebhaber-Projekte und für mich sind Hörbücher eindeutig Liebhaber-Projekte.


Sie sind Hörbuchsprecher, Synchronsprecher und Regisseur. Was machen Sie am liebsten? Was ist der Reiz an der Arbeit im Tonstudio?

Für mich liegt der Reiz in der Abwechslung. Ich führe mal bei jemand Regie und kann ihm helfen. Dann mache ich wieder Hörspielregie und kann auch noch aussuchen, wer die Musik macht, wie wir die Geräusche machen und ich kann in der Mischung mitsprechen. Die Aufgaben für einen Hörspielregisseur sind sehr vielfältig. Das ist eine sehr komplexe und schöne Arbeit, die mir extrem viel Spaß macht. Aber dann spreche ich wieder selber ein Hörbuch, in einem Hörspiel oder Film. Ich finde es schön, dass ich diese Abwechslung habe und mal als Sprecher, mal als Regisseur und mal Produzent tätig bin und eben nicht nur eine Schiene in meinem Leben verfolge. Das ist für mich, für meinen Charakter sehr passend.


Inzwischen füllen die Drei??? und die Live-Hörspielen riesige Hallen. Sie haben dort den direkten Kontakt zum Publikum und bekommt live mit, wie die Zuhörer reagieren. Fehlt einem das im Studio dann oder stellt man sich das vor – wo könnten die Zuhörer jetzt lachen?


Ach nee, eigentlich gar nicht. Wenn man im Studio arbeitet, macht man das aus dem Gefühl heraus. Man will nicht unbedingt darauf hinarbeiten, hier könnten die jetzt lachen, und da setzt man eine Pointe. Das muss der Stoff vorgeben. Man inszeniert das so, dass es vernünftig klingt und dem Stoff entspricht. Ein Live-Stück muss tatsächlich dafür geschrieben werden. Da müssen Pointen reingeschrieben werden, damit es Unterhaltungsmomente gibt und andere Spannungsmomente. Das ist wichtig. Man könnte nie das gleiche Manuskript wie für eine CD-Produktion auf der Bühne benutzen. Das würde nicht funktionieren. Man muss beides unterscheiden.